Auch kalte Ausrufungszeichen lassen sich mit heissem Herzen schmieden: zu Gertrud Höhler
Denken wie eine Pfefferminzdusche
Es gibt Menschen, die können selbst dann, wenn sie veritable Katastrophen (wie etwa die sog. Finanzkrise, die das Thema des Abends war) bedenken, beschreiben und besprechen, die Freude des Verstehens und die daraus erwachsende Zuversicht der Bändigung der katastrophischen Mächte elegant und hassfrei, scharfzüngig und phantasievoll, trocken wie Schleifpapier und warm wie ein Frühstücksei an den Mann und an die Frau bringen. Gertrud Höhler gehört zu diesen Menschen. Das war das ganz Besondere an diesem Abend in unserer Buchhandlung: obwohl Frau Höhler kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es um Schuld und ausgebliebene Sühne ging (sie nannte Ross + Reiter!), so war doch immer ein tiefes Verständnis auch für die systemische Getriebenheit, für das Ausgeliefertsein und die Süchte und Träume der Schuldbeladenen zu spüren. Allein beim Stichwort ‘Politiker’ dominierte eine gewisse Fassungslosigkeit und Wut ob der augenscheinlich sogar eine minimale Teil-Schuld abweisenden Teflonbeschichtung dieses Berufsstandes.
Vom Jesus’schen Austrieb der Händler aus dem Tempel (wobei mir gestattet sei, für meine Berufsgruppe als positive Leistung zumindest zu reklamieren, dass die Händler sich ganz zivil haben vertreiben lassen; wäre Jesus auf Militärs, Prediger oder Politiker getroffen, sie hätten ihn ohne Umweg über die wunderbare Passionsgeschichte an’s Kreuz genagelt. That’s the difference!), über die von Max Weber soziologisch analysierte Nähe der kapitalistischen Seele zur protestantischen Ethik bis zur GeldGier der Neuen Finanz-Süchtigen spannte sich der Bogen des überaus lebendigen und rhetorisch blitzblanken Vortrags – keine Lesung also, Gott sei Dank (in diesem Fall zumindest) – denn auch der sehr präzise und klug gefasste Text der ‘Götzendämmerung’ reicht nicht an das Faszinosum einer begnadeten Live-Actrice. Wer allerdings wirklich in all dem medialen Finanzcrashdunst und politischen Reglungsnebel einen klaren Blick erringen und einen klaren Kopf behalten will, wird um die Lektüre dieses Buches nicht herumkommen. Uns soll’s freuen …
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Zum Abschluss …
… vielen Dank an Frau Höhler für einen schönen Abend, der seine Schönheit weder durch das hässliche Thema noch durch den intellektuellen Anspruch der Darstellung hat verlieren können. Wäre es nicht mittlerweile verpönt, würde ich einfach sagen: es hat Spaß gemacht!
(Foto: Andreas Ullrich)
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