BB reloaded (nicht Brigitte Bardot, leider …) – Bier + Buch: Eine philosophische Reflexion
Namen sind Schall + Rauch. Und Siege auch. Aber zur Chronistenpflicht gehört es eben, das erwartungsgemässe und dennoch unsägliche Ergebnis des hannöverschen Wettstreits von Geist und Gemüt (wir berichteten) zu kolportieren: das Bier hat gesiegt. Hauchdünn zwar wie ein Blatt Bibeldünndruckpapier (nicht faserig-dick wie ein bräsiger Bierdeckel!), aber manchmal entscheidet eben auch ein Hauch (ob beim Alkoholtest oder der alerten Kulturattitüde).
Jeder Diskriminierungstendenz abhold (das AGG ist seit seiner Verkündigung mein steter Begleiter) muss ich zugeben: auch Biertrinker, ja sogar militante Bierapologeten können nicht nur lesen, das Gelesene verstehen + sich darob auch in ganzen, wohlgeformten Sätzen entäussern; sie können sogar witzig sein, geistreich + bissig, liebevoll + zynisch, ja man könnte fast sagen: fast gar nicht von Buchmenschen zu unterscheiden. Gut, das Gelesene reicht kaum bis zum Gilgameschepos zurück, Aristoteles + Adorno bleiben unberücksichtigt (hamm ja auch nüscht übers Bier jeschrieben!), die Epoche des Sturm+Drang mutiert tendentiell leicht zum Sturm im Bierglas und dem vielbedachten und wohlbesungenen Harndrang, Romantik kehrt erst nach dem fünften Halben ein + die generative Transformationsgrammatik realisiert sich erst nach dem siebten Halben in einer degenerativen Magenentleerung (‘Fusswegpizza’ war die lyrische Krone der Herzensergiessungen der kunstliebenden Kloster(bräu)brüder); ja, das alles will ich zugeben. Aber: Es hat Spass gemacht! Es war furios! Die bierigen Wortpanschereien waren ergötzlicher als die noch gut erinnerlichen, Kulturgut vernichtenden glykolischen Panschereien beim traditionell dem ‘guten Buch’ zugedachten (Rot)Wein.
Womit wir bei der Buchliebhaberfraktion wären, den Stellvertretern des Buchgottes auf Erden, den Inhabern des heiligen Buchgeistes, den quicken Exekutoren der Buchdruckgesellschaft (Dirk Baecker). Was hätte dort an Drogengeschützen gegen die dünnflüssigen Verteidigungslinien der Bieramateure aufgefahren werden können: vom versoffenen Grabbe (der auch folgerichtig ein wahrlich nasses Grab gefunden hat) bis zum edel saufenden auerbachschen Goethe (“Uns ist ganz kannibalisch wohl, Als wie fünfhundert Säuen!”), von plagiatorischen Teenies (Axolotl Roadkill) bis zu ‘Infinite Jest’: Munition vom Feinsten, die jede Bierbüchse locker in den Schatten stellt (die gewaltigen Bierpaletten mit ALDI-BüchsBier der seligen Post-Punk-Bewegung mal aussen vor gelassen). Aber für solche post-hermeneutischen Exzesse fehlte wohl der letzte Mut + vielleicht auch die letzte Überzeugung … noblesse oblige. Manches war fein wie Safranfäden (und ebenso gehalt- wie geschmackvoll), manches eher für eine sanft-partnerschaftliche Reunion mit Hörbuch auf Sofa an Rotwein konzipiert, nichts richtig grob, pöbelig + unbuchig. Dirk Baecker riet den AutorInnen, ihre Bücher müssten ‘nervöser’ werden. Vielleich gilt das gleichermassen für die LeserInnen: nervös, krass, grenzgängerisch. Von Worten besoffen, von Sätzen benommen, von Büchern weggefläscht … ‘runter vom heimeligen Sofa, das Ohr hörbuchentstöpselt, die Bestsellerlisten vergessend: rein in die wahnwitzige WortWelt!
Wenn Lesen kein Risiko mehr ist, sollten wir lieber alle unser fein gezapftes, sogar von Papst Siebeck zwischenzeitlich genehmigtes 7-Minuten-Bier zum vegetarischen Zucchini-Carpaccio trinken und dann zur Strafe in einen unruhigen Traum sinken, der unermüdlich um die Zahl ’451′ kreist.
Lesen ist geil!
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