Das Leben wird zum Prozess – ganz juristisch gemeint (und ein wenig kafkaesk)
Es gab einmal ein Leben, das nach eigenen Gesetzen in vielen kleinen Einzelaktionen, Kommunikationen, Verträgen, Versprechen und Absichten sich organisierte. Unbeobachtet von machtvollen Augen, schlicht: Privatsachen. Nur wenn Uneinigkeit vorkam, Irrtümer, Täuschungen, Vertragsbrüche, Unehrlichkeiten, dann wurde dieses machtvolle Auge bemüht, genauer hinzusehen: zu klären, wer was wann und wie getan hat und ob jemandem bei diesem Gewusel Unrecht geschehen sei. Dieses Auge ist die Justiz.
Wie nicht anders zu erwarten, ist es eine schwere Aufgabe, menschliches Handeln übersichtlich zu entwirren: wer hat was gemacht, wer hat was damit bezweckt, wer hat getäuscht, geklaut, sich geirrt oder einfach falsch begriffen? Die Richter der Tatsacheninstanz haben es da nicht leicht. Und wenn man bei manchen Prozessen sieht, dass dutzende Ordner nötig sind, um einen einzigen Vorgang einer rechtlichen Klärung überhaupt erst zugänglich zu machen, dann möchte man leicht verzweifeln.
Am einfachsten wäre es doch, wenn die Menschen ihr Leben verprozessualisieren würden, so vorausschauend lebten, als müssten sie jeden Moment ihres Handelns irgend wann einmal vor Gericht nachweisen, belegen und begründen können. Im Steuerrecht ist dieser Zustand ja längst Realität: keine Handlung, die irgend den Herrschaftsbereich der Besteuerung tangiert, darf unbelegt passieren: Dokumentationspflicht!
Von einem weiteren Lebensbereich, der so in die Pflicht genommen werden soll, berichtet ZEIT-ONLINE: ‘Anlegerschutz – Leider nur gut gemeint‘ von Olaf Wittrock. In hektischer Geschäftigkeit bastelt ‘die Politik’ ein Dokumentationssystem für Beratungsgespräche für Geldanlagen: Protokolle, Produktwaschzettel, Beraterkontrolle – die ganze Packung halt. Vollständiger wäre nur eine Videoaufzeichnung aller Beratungsgespräche, die auch noch die Gestik, Mimik und Körpersprache festhalten könnte: hat der Berater nicht seine deutlichen Worte zum Risiko dieses Anlagemodells durch seine Körpersprache konterkarriert und durch ein leichtes, kaum vernehmbares Augenzwinkern relativiert?
Es wird alles gleich in gerichtsverwertbarer Form gesammelt, was irgendeinmal unbeobachtetes Leben war und eigenen Logiken + Gesetzen folgen durfte (mit allem Risiko, Fehler zu machen oder betrogen zu werden). Der Prozess wird in Permanenz schon mal vorsorglich erwartet.
Franz Kafkas Proceß beginnt mit den Worten: “Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.” Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der man weder etwas Böses getan haben noch verleumdet worden sein muss, um einem immerwährend eröffneten Prozess verhaftet zu sein.

























