Es begann bei DECIUS: Leibhaftige Geschichte, Joachim Gauck + die Lutherschule zu Hannover
Im Februar des letzten Jahre war Joachim Gauck zu einer Lesung in unserer Buchhandlung in der Marktstrasse (wir berichteten). Unter den zahlreichen Gästen dieses ganz besonderen Events war auch ein Lehrer der Lutherschule zu Hannover, Herr Andreas Kühntopp. Berührt von den bewegenden Erinnerungen des Referenten an die kalte Zeit des Staatsterrors in der DDR fragte er Joachim Gauck nach der Veranstaltung ganz spontan, ob er nicht in die Lutherschule kommen wolle und auch dort, vor jungen Menschen, die nach dem Mauerfall geboren wurden, als Zeitzeuge berichten wolle. Herr Gauck sagte ebenso spontan zu.
Und aus dieser Frage und dieser Zusage ist nun ein wirkliches + ganz praktisches Faktum geworden: vor seiner Lesung in der St. Clemens Basilika am 4. März 2011 (wir berichteten) wird Joachim Gauck zur 5ten Unterrichtsstunde (11:40) in die Lutherschule kommen und dort den SchülerInnen des Abiturjahrgangs (Themen des Zentralabiturs Geschichte sind die DDR und die Deutsche Einheit*) über sein Erleben eines epochalen Umbruchs berichten und mit ihnen nicht nur über diese wirklich schwere und schöne Zeit diskutieren, sondern auch gezielt mögliche Prüfungsszenarien erproben. Mit einem liebevoll gestalteten Beitrag berichtet die Website der Lutherschule über dieses - schulinterne, nicht öffentliche - Ereignis
Es freut uns, dass aus einem Geschenk des Augenblicks ein kleines, substanzreiches + kopierbares (!) Modell für einen Bildungsbegriff geworden ist, der weit über PISA, Zahlenpaukerei und ideologiehaltige Verbohrtheiten hinausweist. Wir danken allen Beteiligten für dieses schöne Beispiel spontaner Selbstorganisation im Rahmen zunehmender Regelungsfluten in Schule und Gesellschaft – und nicht zuletzt auch der Verlagsgruppe Random House, die die Lesereisen ihres Autors Joachim Gauck im Rahmen des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie auf einer eigenen Website zugänglich und damit wirklichkeitsverändernd wirksam macht.
* Als quasi technischer Hinweis (der Buchhändler in mir schläft nie …): Lohnende Lektüre für diesen Zweck – und in der Lutherschule auch erfolgreich erprobt – ist das Lehrbuch DDR und deutsche Einheit aus der Reihe ‘Buchners Kolleg’, Buchner Verlag, ISBN 978-3-7661-4697-7 – mit einem besonderen Gauck-Kapitel incl. möglicher + wahrscheinlicher Prüfungsfragen.
(Nachtrag 25.02.2011)
Eine aufmersame Leserin hat uns drei Hinweise gegeben, die das oben Gesagte noch ergänzen (Vielen Dank!):
- Auf den eingestellten Fotos des Kurses, den Joachim Gauck besuchen wird, sind nur Schülerinnen zu sehen. Das liegt nicht daran, dass die Jungens fotoscheu gewesen wären (wir haben nachgefragt!), sondern es ist wirklich und tatsächlich so, dass es für diesen Kurs keine Jungens gibt. Was sagt der Männerbeauftragte dazu? Und wenn es den (noch!) nicht gibt, wann ist mit seiner Amtseinführung realistisch zu rechnen?
- Die Klassenbezeichnung “12/13″ birgt in sich die gerade von statten gehende Umstellung von 13 auf 12 Schuljahre zur Erlangung des Abiturs. So krass nebeneinander gesetzt kommt man doch noch einmal heftig in’s Grübeln ob dieses ‘verlorenen’ Jahres …
- In dem gestern erschienenen Buch ‘Mutige Menschen’ (wir berichteten) steht im Vorwort von Joachim Gauck ein Gedanke, der gut zu dem Thema DDR + Abitur passt und den ich deshalb hier ergänzend zitieren möchte: “Die ostdeutschen Städte und Dörfer waren jahrzehntelang mit dem Mehltau der Angst und der Anpassung überzogen. Schon als Kind lernte man, dass nur der vorankommt, der sich linientreu verhält. Wer aus der Reihe tanzte, konnte kein Abitur machen, durfte seinen Beruf nicht frei wählen und wurde dauerhaft übersehen, während die Angepassten aufstiegen.”
Schlagwörter: DDR, DECIUS, Hannover, Joachim Gauck, Lesung, St. Clemens Basilika

























