Juli Gudehus: Lesikon der visuellen Kommunikation – Wie ein Buchstabe eine Welt verändert
Lexika sind schwer an den Mann oder die Frau zu bringen. Wozu sollte sich auch jemand diese wohlbeleibten Lederrücken im Zeitalter von Wikipedia als veritable Staubfänger in's Regal stellen? Brockhaus & Co. haben das böse zu spüren bekommen.
Zudem ist lexikalisches Wissen und die lexikalische Ordnung insgesamt seit Googles Finde-Offensive eh nicht mehr 'state of the art': Diskontinuität, Selektivität, Bröckchenhaftigkeit sind eher Markenzeichen der neuen digitalen Wissensgewinnung - und da ist es ganz egal, ob man wissen will, wer der erste Mensch am Nordpol war oder welches Gericht zu welchem Anlass und mit welchen Folgen den Halbteilungsgrundsatz entwickelt hat: je vager die Frage, desto mehr unnützer Datenmüll häuft sich im Bildschirm, je genauer, desto weniger nützliches Umfeld bleibt zu be(tr)achten: Digital ist ein Dilemma!
Quer zu diesem lexikalischen DigitalDilemma (sozusagen einen einzigen Buchstaben entfernt) steht das gerade frisch erfundene 'Lesikon': weit davon entfernt, ein Tippfehler zu sein, wird mit dieser Neuschöpfung eine diskontinuierliche Stapelung von Einzelwissen um einen nicht-lexikalisch ordnenden Kern mit reichlich emotionaler Intelligenz (eben Juli Gudehus) beschrieben, die spezifische Detaildichten und Umgebungsrelevanzen zu einem einheitlichen (aber nicht einförmigen) Text verbindet. Vom mikroskopischen Blick auf den einzelnen Satz bis zum ganzen Buch-Kunstwerk der 42029 Texte ist jede Wahrnehmung gleich weit vom Zentrum entfernt - eine inzwischen klassische Netz-Vision, aber eben im papierensten aller Papierprodukte: einem Buch.
Zuletzt bleibt noch staunend zu erwähnen, dass eine Enzyklopädie der visuellen Kommunikation kein einziges Bild auf 3000 Seiten Buchraum enthält. So werden wir, weit abseits der multimedialen Fremd- und Überfütterung, auf unsere ureigenen inneren Leinwände, Diashows, Filmschnipsel und Fotoarchive, mp3-Konserven und Vinylreminiszenzen verwiesen - und siehe da: es ist dort noch viel bunter, als es nach einem wilden Tag am Computerbildschirm in der Einsamkeit der Lichtpfütze der trauten Schreibtischlampe realistisch zu erwarten gewesen wäre.
Jürgen Kaube schreibt in der FAZ:
Vor allem aber gewinnt das Trumm von Buch durch das viele Wissen, das es speichert. Zum einen ist es technisches Wissen über die Welt des Zeichnens, Druckens, Reproduzierens. Zum anderen ist es Wissen über die Symbole, die aus dieser Welt hervorgegangen sind. Wir erfahren, dass die erste Speisekarte 1784 im Wiener Restaurant „Zum roten Apfel“ ausgegeben wurde, wer eigentlich das „Smiley“-Zeichen erfunden hat, was es mit Alfred E. Neumann auf sich hat, dass die erste Frau mit aufgeknöpfter Bluse 1902 von der Odol-Reklame gezeigt wurde - Stichwort „Ausschnittsvergrößerung“ -, wie Oliver Kalkofe über Kinowerbung denkt und was von Designerin als Traumjob zu halten ist.
Und es wird uns einer der schönsten Sachbuchtitel der jüngeren Zeit bekannt gemacht: „Ne dites pas à ma mère que je suis dans la publicité - elle me croit pianiste dans un bordel“ - „Sag meiner Mutter nicht, dass ich in der Werbung arbeite, sie glaubt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ Mindestens genauso gut ist das Lebensmotto des Comiczeichners Hal Foster: „Niemals auf einen sitzenden Vogel schießen. Nie mehr Fische nehmen, als die Bratpfanne fasst. Nie mehr trinken, als ein Gentleman vertragen kann.“ (im Eintrag „Lebensentwurf“)
Niemand wird sofort sagen können, wozu man solches Wissen und solche Merksätze braucht. Auch das passt zum Design und zur Werbung, deren Motto ja „Verschwendet eure Intelligenz“ sein könnte. Aber vielleicht stimmen ja ein paar Leute zu, dass solches Wissen über Speisekarten und Kinowerbung und die Ethik der Vogeljagd am Ende doch irgendwie nützlich ist. Es ist, Inbegriff der Nützlichkeit von Lektüre, gedankenanregend. Mehr Lob ist vermutlich gar nicht möglich. Jedenfalls nicht für ein Lexikon, das im Zeitalter von Wikipedia auf eigentümliche Weise die Ehre des Buches als einem Medium rettet, in dem man findet, was man nicht gesucht hat.
Dem letzten Satz (und nicht nur dem) möchte ich mich herzlich anschliessen ...
Weitere Netz-Quellen: ECHO-online, ZEIT, Börsenblatt und viele, viele andere: ja, über dieses BuchBuch wird geredet!
Juli Gudehus: Das Lesikon der visuellen Kommunikation - Eine Collage
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