Odradeks Parfüm -oder- ebook non olet
Innovationsstürme durchtosen den deutschen Buchhandel: Er macht sich fit für’s 21te Jahrhundert. Stylisch, modern, beliebt und jetzt auch noch branchenspezifisch duftend! Die Frisur sitzt, der Rubel rollt und es ist zu schön um wahr zu sein …
Aber der Reihe nach:
Im Jahre 2010 hatte die hannoversche HAZ mit einem aufrüttelnden Artikel den modischen Notstand im Buchverkaufsgewerbe angeprangert: graue Mäuse im bunten Reich des Geistes, standardisierte Langeweile im Land der grellen Phantastik (oder so ähnlich – ich finde den Artikel nicht mehr – aber so hat er sich in meinem Langzeithirn sedimentiert). Parallel dazu schaffte es der gemeine Buchhändler / die gemeine Buchhändlerin, bei statistischen Berufsbeliebtheitsuntersuchungen einen ehrenvollen letzten Platz zu belegen. Hinter (!) Politikern und Rechtsanwälten. Dann wurde auch noch der mythische Ort der Buchhandlung, letztes Refugium des bewahrenden Geistes, selbst Ziel ästhetischer Angriffe: Thomas Feicht durfte im Haus- und Magenblatt des deutschen Buchhandels doch tatsächlich formulieren: “Kundenorientierung, Architektur, Einrichtung, aktuelles Design und Gestaltung scheinen im Buchhandel ein Fremdwort zu sein. Und Ästhetik gar des Teufels.”
Aus diesem Tal der Tränen kämpft sich der Buchhandel in letzter Zeit mit der ihm eigenen Bestimmtheit und Dynamik heraus: kübelweise Farbe wird in bundesdeutschen Buchhandlungen an die Wände gebracht, kahle Regalböden werden mit Blumen verrankt, die braunen Breitcordsofas aus den 60gern werden gegen blasiert-graue Ledergarnituren der Marke ‘Sloterdijk’ ausgetauscht, eine Zweitsteckdose für die angedachte E-Book-Präsentations-Nische wird beim Elektriker für’s nächste Jahr geordert und es wird sogar darüber ernsthaft nachgedacht, neben der Jeans ein weiteres Hauptkleidungsstück für BuchhändlerInnen zuzulassen …
Aber: Stop! Da ist die Phantasie mit mir durchgegangen. Schliesslich befinden wir uns in Deutschland und da wird so etwas anders geregelt: wenn man nicht mehr weiter weiss, bildet man ‘nen Arbeitskreis. In diesem munteren Sinne hat sich der Buchhandel ein neues Berufsbild verpasst: irgendwie schlanker, moderner, ökonomischer. Sogar die elektronische Variante des Handels mit eBüchern + pBüchern (mit Verlaub: unsere Zukunft!) kann als Qualifikationsbaustein gewählt werden. Wau! Ich bin gerührt! Ein kleines Hoppelschrittchen in die richtige Richtung: wir nähern uns dem Bahnhof. Der Zug ist zwar schon abgefahren, aber die Richtung stimmt wenigstens.
Wie um diesem Trend unter die recht kümmerlichen Arme zu greifen, hat die neueste Beliebtheitsuntersuchung ergeben, dass der Buchhandelsberuf nicht mehr die Schlussleuchte ist, sondern den 15ten von 18 Plätzen belegt (vor Bankangestellten, Politikern und Fernsehmoderatoren). Na, wenn das niX ist!
Aber das Schönste habe ich mir bis zum Schluss aufbewahrt: Lagerfeld, dieser Gigant der Fashionbranche + 300.000fach bestätigter Buchliebhaber, lässt einen neuen Duft kreieren: Paper-Passion! „Der Duft wird eine fettige Note haben.“ Und soll auch nach Linol riechen. Also spontan ist mir ja bei Parfüm+Buchhandel eine Stelle aus Kafkas genialer Preziose “Die Sorge des Hausvaters” eingefallen, wo er über Odradeks, der Zwirnspule Lachen schreibt: [..] es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern.” So etwa stelle ich mir das typische Buchhandelsparfüm vor. Lagerfelds Variante klingt aber eher so, als könne man sich gleich mit Pinselreiniger einstreichen oder einen Linoldruckkurs bei der VHS buchen …
Auch wenn Sie es nicht gemerkt haben dürften: Denk’ ich an Buchland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Aber echt!
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