Sozialklempner + Individualabwracker: Alexander Ruske – Ohne Schuld und Sühne | Duncker & Humblot 2011
Wieder einmal hat es mich bei Duncker & Humblot hinweggerafft aus meinem relativ professionellen Gleichmut (wie schon hier und hier). Ich las dort bei einem als nur flüchtig geplanten Blick auf die Homepage (sozusagen on the fly) etwas “von der Entfernung metaphysischer Freiheits- und Schuldbegriffe aus dem Strafrecht” … Schluck! Ich hätte nicht verblüffter sein können, wäre hier ‘die Entfernung des metaphysischen Eigentumsbegriffes aus dem Bürgerlichen Recht’ annonciert worden oder ‘die Entfernung des metaphysischen Gottesbegriffes aus der Religion’ oder ‘die Entfernung des metaphysischen Schönheitsbegriffes aus der Ästhetik’.
Warum nicht auch gleich die Menschenrechte (echt arg metaphysisch!) auf den Müllhaufen der wissenschaftlich aussortierten Phantasmagorien? Und das alles nur, weil die Hirnforschung im Hirn keine Freiheit findet!? Und kein Eigentum, keinen Gott, keine Schönheit + keine Würde?
Aber der Reihe nach: hier erst einmal der Stein des Anstosses:
(Alexander Ruske: Ohne Schuld und Sühne)
Alexander Ruske unternimmt den Versuch, Verbindungen zwischen der Lehre der défense sociale, die nach dem zweiten Weltkrieg vornehmlich in Frankreich und Italien begründet wurde und schnell internationale Verbreitung fand, und den kriminalpolitischen Vorschlägen der modernen deutschen Hirnforschungen zu beschreiben. Beide Ansätze gehen von der Entfernung metaphysischer Freiheits- und Schuldbegriffe aus dem Strafrecht aus und stellen auf dieser Grundlage die Dogmen der klassischen Strafrechtslehre in Frage. Das retributivistische Vergeltungsprinzip soll übereinstimmend einer streng präventiven Ausrichtung des Rechts weichen.
Trotz dieser fundamentalen Übereinstimmungen kann eine Zusammenführung im Ergebnis nur in Teilen gelingen. Denn während die Vertreter der défense sociale eine kriminalpolitische Lehre beschrieben, hat die Hirnforschung aus ihren seinswissenschaftlichen Erkenntnissen bisher lediglich einige kriminalpolitische Vorschläge entwickelt.
Würde ich es etwas spitz formulieren, so würde ich sagen: da treffen sich ja die Richtigen – die Sozialklempner (Staatsutilitaristen) und die Individualabwracker (materialistische Hirnforscher) …
Zur Sache: natürlich findet man für viele Begriffe, die unser gesellschaftliches Miteinander (mehr oder weniger gut) regeln, keine materiellen Repräsentanzen: selbst die genaueste chemisch-physikalische Analyse wird dem Stuhl, auf dem ich gerade sitze, die Information nicht abringen können, dass es mein Stuhl ist. ‘Eigentum’ ist ein immaterielle gesellschaftliche Zuschreibung, die sich dem Objekt dieser Zuschreibung nicht nachweisbar (materiell) einschreibt. Nicht anders ist es mit der Willensfreiheit (als Grundlage von Verantwortung und Schuld): sie ist eine gesellschaftliche Hypothese, die über weite Bereiche hinweg befriedigend funktioniert. Damit ist nichts über eine materielle Existenz jenseits dieser Hypothese gesagt, sie ist+bleibt eine Erfindung, die Jahrtausende von verschiedensten Experimentalanordnungen hinter sich und dieselben überlebt hat (das macht ihre Würde aus!).
Willensfreiheit und Hirnforschung spielen eben in verschiedenen Ligen, ebenso Willensfreiheit und Sozialmechanik. Und das ist auch gut so! Denn ich möchte mein Leben als verantwortungsfähiges Individuum weder auf dem Seziertisch der Anatomen, noch im Rattenkäfig des Experimentallabors und erst recht nicht auf den Reissbrettern der Staatsarchitekten aushauchen müssen.
Alexander Ruske: Ohne Schuld und Sühne.
Versuch einer Synthese der Lehren der défense sociale und der kriminalpolitischen Vorschläge der modernen deutschen Hirnforschung.
1. Auflage 2011, 366 S., kartoniert
Duncker & Humblot, ISBN 978-3-428-13538-7
78,00 €
Schlagwörter: Duncker & Humblot, Freiheit, Hirnforschung, Schuld, StrafR






















